Bau- und Stadtentwicklung

Raum für alle: Offene Orte für Care-Arbeit und Gemeinschaft in der Bremer Innenstadt

Raum für alle: Offene Orte für Care-Arbeit und Gemeinschaft in der Bremer Innenstadt

Es gibt viele Menschen, die es in der Innenstadt besonders schwer haben, einen Ruhe- und Rückzugsort zu finden oder beim Besuch der Innenstadt auch ihre alltäglichen sozialen, familiären oder gesundheitlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Dazu gehören neben Senior*innen und Menschen mit Behinderungen oder Neurodivergenz insbesondere auch Familien und Menschen in Care-Arbeit. Care-Arbeit oder Sorgearbeit beschreibt die Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns. Dazu gehören etwa das Stillen, Kinderbetreuung, die Begleitung und häusliche Pflege von alten oder kranken Menschen oder auch familiäre Unterstützung. Diese Art der Arbeit wird nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet.

Gleichzeitig wird in unserer Innenstadt momentan sehr viel neu geplant und gebaut. Bei zwei Vorhaben – dem Bremer Hof und dem Neubau anstelle des Kaufhof Gebäudes – hat Bremen mit der Umsetzung durch die BRESTADT selbst die Federführung. Damit bestehen besonders hohe Chancen, öffentliche und gemeinwohlorientierte Interessen umzusetzen: Das darf sich Bremen nicht entgehen lassen! Aber auch bei privaten Bauvorhaben wie der Umbau des C&A Gebäudes, wie Karstadt oder das Postamt 1 lassen sich gemeinwohlorientierte Infrastrukturen gewinnbringend einplanen. Beide Arten von Vorhaben profitieren von möglichst vielen und vielfältigen Besucher*innen und Nutzer*innen der City.

Dafür sind konsumfreie Räume für einen angenehmen und unterstützenden Aufenthalt beim Innenstadtbesuch wichtig. Wir Grünen fordern deshalb die gezielte Planung und Einrichtung von niedrigschwelligen, generationsübergreifenden Aufenthaltsmöglichkeiten als festen Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur in den laufenden Planungsprozessen.

Wie sieht so ein Raum konkret aus?

Zur Grundausstattung eines Gebäudes, das Care-Arbeit im Alltag ohne Probleme ermöglicht, gehören: ein Wickeltisch in einer ruhigen, aber gut zugänglichen Ecke, ein ruhiger Platz zum Stillen, ein Abfallbehälter mit Deckel, eine Möglichkeit zur sicheren Ablage für kleine Kinder, Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten für die größeren Geschwister, klimatisierte Gelegenheiten zum Rasten und Ausruhen und natürlich kostenfreie, kindgerechte sanitäre Anlagen inklusive des Zugangs zu kostenlosem Trinkwasser. Ergänzend dazu braucht es eine Einrichtung für Pflegende oder Behinderte, die eine barrierefreie Toilette und Rückzugsräume beinhaltet. Für beide Gruppen sind die Breite von Türen und ein schwellenloser Zugang für Rollstühle, Kinderwagen und Co, entscheidend. Zusätzlich erleichtern Steckdosen und Ablagemöglichkeiten einen Aufenthalt.

Durch eine unterstützende Architektur sollte ein Raum für Alle Ruhe ausstrahlen und gleichzeitig geschützte Zonen sowie Orte zum Austausch und zur Teilhabe bieten. Care-Bereiche müssen nicht als einzelner, abgeschlossener Raum gedacht werden, sondern können von Anfang an ein integraler Bestandteil der Gebäudearchitektur sein. Konkret muss eine sichere und saubere Atmosphäre geschaffen werden. Warmes Licht und angenehme Materialien sowie eine klare Beschilderung und Ausweisung sind ebenfalls wichtige Kriterien. Entscheidend für die Annahme und Teilhabe der verschiedenen Gruppen ist das Absehen von einem Konsumzwang. Ein kostengünstiges Angebot von Getränken und kleinen Snacks ist aber hilfreich. Durch klar erkennbare, gut integrierte Bereiche innerhalb eines offenen Raumkonzeptes – etwa durch Nischen und markierte Zonen – werden unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander ermöglicht. So besteht auch die Möglichkeit, an Tischen miteinander zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Ein zusätzlicher Gewinn für solche Räume sind sowohl Internetzugänge und kostenloses WLAN als auch heißes Wasser für Tee, Brei, Kaffee oder Ähnliches.

So ein Ort braucht Betreuung. Das setzt eine klare Verantwortlichkeit für Sauberkeit und Zugang voraus und benötigt eine Ansprechperson in Reichweite.

Dritte Orte kann es in unterschiedlicher Ausprägung geben und sie lassen sich auch mit reduzierten Mitteln realisieren. Es braucht mehr offene Orte, die unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander vereinen und so gleichzeitig den Austausch zwischen den gesellschaftlichen Gruppen fördern und Teilhabe und Erfahrungsaustausch ermöglichen. Auch kleine Stellschrauben wie breite Treppenstufen zum Sitzen in Eingangsbereichen, große Fensterfronten mit Sitzgelegenheiten oder ein Wickeltisch, der nicht irgendwo im Keller versteckt ist, machen schon einen großen Unterschied.

Mit der Einrichtung solcher Infrastrukturen wird Bremens Innenstadt erheblich an Qualität gewinnen. Wo Platz zum Planen ist, sollte die Chance genutzt werden möglichst viele der oben beschriebenen Aspekte auch umzusetzen.

Ein Gewinn für die Innenstadt – auch für die Wirtschaft

Eine Innenstadt lebt mit ihren Geschäften und Angeboten von möglichst vielen und diversen Besucher*innen. Viele Gruppen kommen aber gar nicht oder nur selten in die Innenstadt, weil sie abhängig von guten, funktionierenden Versorgungsstrukturen sind, die die City derzeit nicht bietet. Wer als stillende Mutter keinen Ort findet, um in Ruhe das Baby zu versorgen oder als gehbehinderter Senior keine Möglichkeit hat, sich auszuruhen oder eine öffentliche Toilette zu nutzen, überlegt sich einen Besuch in der Innenstadt dreimal und wählt andere Optionen. Damit entgehen der Innenstadt auch Kaufkraft, Lebendigkeit, Soziales und Vielfältigkeit. Gerade Erdgeschosse brauchen eine lebendige Gestaltung, die Personen anzieht. Diese Lage eignet sich auch perfekt für einen Ort, an dem Menschen sich sichtbar und ungezwungen aufhalten können. Räumlichkeiten in höheren Etagen können gute Rückzugsorte bieten. In Kombination mit Angeboten des Einzelhandels oder von Dienstleistern, von Behörden und Initiativen in der direkten Umgebung ergeben sich positive Auswirkungen auf das städtische Umfeld. Gleichzeitig könnten auch die räumlichen Bedarfe der gewerblichen Anlieger*innen zentral aufgegriffen werden – ob Platz für eine Firmenfeier, eine Küche zum wöchentlichen gemeinsamen Kochen oder gezielte Beratungsangebote – alles könnte hier abwechselnd Platz finden.

Systemrelevante Sorgearbeit sichtbar machen

Es gilt, die systemrelevante Sorgearbeit im Herzen unserer Stadt sichtbar zu machen und zu unterstützen. Das sorgt auch für mehr Gleichgewicht in gesellschaftlichen Debatten und Prozessen, in denen bestimmte Personengruppen unterrepräsentiert sind. Auch unsere Vision einer kindgerechten und senior*innengerechten Stadt für Alle wird durch Dritte Orte unterstützt, die für Sichtbarkeit sorgen und den verschiedenen Gruppen Teilhabe ermöglichen.

Erste Erfahrungen in der Bremer Innenstadt haben beispielsweise die Kirchengemeinden oder Einrichtungen wie die Stadtbibliothek gesammelt. Ihr Wissen sollte unbedingt im Gestaltungsprozess berücksichtigt werden. Auch das „Collective Care Lab Bremen“ hat mit seiner Aktion „Ein Care-Raum für die Bremer Innenstadt“ im Oktober 2025 wichtige Impulse in der Kassenhalle der Universität Bremen gesetzt. Auf diesen Ansätzen wollen wir als Grüne aufbauen – für eine Innenstadt für alle, die diesen Namen verdient.

Der Zeitpunkt für die Planung ist jetzt

Wenn Care-Arbeit und besondere Bedürfnisse von Beginn an mitgeplant werden, spiegelt sich ihre gesellschaftliche Relevanz sichtbar in der Gestaltung wider. Der Care-Aspekt darf kein nachträgliches Add-on bei den großen Bauvorhaben sein, sondern muss ein strukturierendes Prinzip der nun anstehenden Planungen werden.

Als Grüne Fraktion fordern wir, in den anstehenden öffentlichen Bauprojekten der Bremer Innenstadt Dritte Räume für die Allgemeinheit zu schaffen und mindestens einen Raum in einem Modellprojekt von Seiten der Stadt so zu entwickeln, dass er die genannten Bedürfnisse aufgreift und einen sicheren Anlaufpunkt in der Innenstadt bietet. Dazu bedarf es einer gut abgestimmten architektonischen Planung, Innenraumausstattung und nachhaltigen Verantwortlichkeit, die bestenfalls unter den künftigen privaten und öffentlichen Mieter*innen der Immobilie aufgeteilt oder klar an  sozial orientierte Träger vergeben wird.