Bau- und Stadtentwicklung

Innenstadtentwicklung nach dem Scheitern des City Centers

1.
Das Ansgaritorprojekt sollte eine Antwort auf den Strukturwandel im Einzelhandel sein. Nun ist es selbst dem Strukturwandel zum Opfer gefallen. Es liegt auf der Hand, dass die Öffentlichkeit nach den Ursachen fragt. Schließlich ging es um einen strategischen Baustein der Innenstadtentwicklung, der mit großem Aufwand begründet wurde, in den viel öffentliches Geld geflossen ist und an den sich große Hoffnungen geknüpft haben.

In der ersten Stellungnahme des Wirtschaftssenators wird auf das veränderte Marktumfeld, die Unsicherheit über die Zukunft der Warenhäuser, den Online-Handel, die Macht des Shoppingcenter-Entwicklers ECE und die Kabel im Untergrund verwiesen.

Natürlich drängen die Fragen: Was wird aus der leer stehenden Immobilie? Und wie
mindert Bremen die Verluste der öffentlichen Hand? Was passiert, wenn der Rest des
Bau- und Umweltressorts umzieht? Soviel scheint sicher: Der Einzelhandel hat zurzeit nicht die Kraft, die Errichtung einer anspruchsvollen innerstädtischen Großimmobilie mit allen unvermeidlichen städtebaulichen Ansprüchen zu tragen. Wir Grünen werben deshalb dafür, dass der Lloydhof mit einem angepassten Einzelhandelskonzept in einer klug organisierten Partnerschaft mit privaten Akteuren grundlegend saniert wird. Und wir werben dafür, dass sich die Innenstadt aus der Fixierung auf große Einzelhandelseinheiten als Königsweg aus allen Schwierigkeiten löst. Bis der Partner für den Lloydhof gefunden ist, sollten die leer stehenden Flächen mit nützlichen temporären Angeboten bespielt werden.

In der Bremer Innenstadt besteht seit 25 Jahren eine strukturelle Schwäche des Einzelhandels, die sich in den letzten Jahren noch verschärft hat. Diese Schwäche ist schon lange diagnostiziert, aber ein Gegenmittel haben weder die Ampelkoalition noch die Große Koalition, noch Rot-Grün in den letzten drei Dekaden gefunden. Die Immobilien- und Handelsakteure auch nicht. Eingeklemmt zwischen der Alternative, Umsätze und Kaufkraft den großen Handelseinheiten vor der Landesgrenze zu überlassen oder Shoppingcenter innerhalb der Landesgrenze anzusiedeln, hat die politische Administration in den letzten 25 Jahren eine Fülle von Standortentscheidungen auf Kosten der Innenstadt getroffen. Die letzte war die Genehmigung für das Möbelhaus Kraft. Das hat seine Wirkung und ist kaum mehr zu korrigieren. Die vergleichsweise dünn besiedelte, polyzentrische und langgezogene Siedlungsstruktur der Stadt bietet keinen räumlichen Widerstand gegen die verkehrlich gut gelegenen und an keiner Expansion gehinderten dezentralen Großeinheiten des Einzelhandels. Die Innenstadt selbst ist im Süden durch den Fluss, im Westen durch die Bundesstraße B 6, im Norden durch den Breitenweg und die Bahn von den benachbarten Stadtteilen abgeschnitten. Nur im Osten, Richtung Viertel, gibt es einen vitalen gegenseitigen Vorteil. Diese „innere Isolation der Innenstadt vom Rest der Stadt“ ist zusammen mit der vergleichsweise geringen Dichte der umgebenden Stadtteile ein großes Problem und verhindert, die Vorteile der Lage im Zentrum der Stadt auszuspielen.

2.
Im Innenstadtkonzept 2025 ist dieser Gedanke ausgeführt worden. Auf mittlere Sicht wird es darauf ankommen, den Stadtkern in die umgebenden Stadtteile zu integrieren und im Ideal eine Situation zu schaffen, in der der Alltag der dort lebenden ca. 200.000 Menschen sich ganz selbstverständlich über tausend Anlässe mit einem Besuch in der Innenstadt verbindet. Das verändert die Stadtteile und das verändert die Innenstadt – zum gegenseitigen Vorteil. In dem Maße, wie dies gelingt, wird das Zentrum Qualitäten ausbilden, die es weder im Netz noch in den Shoppingcentern an der Peripherie gibt. Und das ist nebenbei die beste Voraussetzung für eine Renaissance des innerstädtischen Einzelhandels und eine starke Ausstrahlung der Innenstadt in die Region. Vieles in dieser Richtung ist schon angeschoben und wird Stück für Stück seine Wirkung entfalten (Wohnen in der Innenstadt, Brückenschläge in die benachbarten Stadtteile, Stärkung der Wissenschaftsinstitutionen im Zentrum, studentisches Wohnen, neue Akteure am Güterbahnhof und mit dem Sportgarten im Postamt 5). Für große Umbauten/Rückbauten der Infrastrukturen und öffentliche Investitionen in die Bereitstellung von Baugrundstücken haben wir auf absehbare Zeit nur sehr begrenzte Mittel. Es wird im Verlauf dieser Legislaturperiode kaum möglich sein, große räumliche Veränderungen in Angriff zu nehmen. Gesucht sind also Projekte, die mit wenig Geld große Wirkung erzeugen. Die Grünen werden sich dafür einsetzen, die Liste der Maßnahmen aus dem Innenstadtkonzept, die prioritär angegangen werden sollen, einer kritischen Revision zu unterziehen und das Programm für diese Legislaturperiode auf das Wichtigste und Wirksamste zu konzentrieren. Darüber hinaus gilt es Ideen zu entwickeln, die die Innenstadt vor allem für junge Leute unwiderstehlich macht.

3.
Die Wirtschaftsdeputation und die Baudeputation haben sich für die Schaffung eines
Perspektivkreises Ansgaritor ausgesprochen, um eine Plattform zu schaffen, die nach
Antworten auf die neue Situation sucht. Für diese Arbeit schlagen wir acht Ideen vor,
die jetzt weiterhelfen könnten:

  1. Wir werben dafür, die temporäre Nutzung des Lloydhofs nicht nur als Handelslabor, sondern auch als Probebühne und Ort für kleine Veranstaltungen zu organisieren – in den Sommermonaten verbunden mit einem kleinen Podest auf dem Hanseatenhof (Arbeitstitel: Musikers Corner).
  2. Wir schlagen vor, auf die Fußwege der Obern- und Hutfilterstraße bunte Sitzmöbel aus Kunststoff mit Sonnenschirm und freiem Internetzugang aufzustellen. Dafür gibt es wunderschöne Vorbilder aus anderen Metropolen. Wir sollten mobile Gastro-Wägelchen zulassen, die die Gäste an diesen Tischen (ohne Verzehrzwang) versorgt.
  3. Wir schlagen vor, den Grünmarkt auf dem Domshof unter der Parole „Lerne von Findorff“ endlich aus seinem Schattendasein herauszuführen. Wenn das Gebäude der Landesbank fertig ist und auch in den Räumen der ehemaligen Bremer Bank neues Leben eingezogen ist, braucht der Markt einen neuen Schub.
  4. Wir schlagen vor, den Bahnhofsplatz in den Fokus zu nehmen. Die Polizei kümmert sich, so gut es geht. Aber nach wie vor ist der Platz in einem jämmerlichen Zustand. Die Taxifahrer brauchen dringend einen „Männerstand“, die Schmutzecken müssen beseitigt werden. Die Reinigung der Straßenbahnhaltestellen braucht einen dichteren Rhythmus und auf dem Rasenplatz schlagen wir vor, urbane Spielgeräte (z. B. Slacklines, Boxsäcke, Crossfit-Geräte usw.) zu installieren. – Die Skater fehlen uns.
  5. Wir schlagen vor, mit geringem Aufwand unter der B 6 hinter dem Arbeitsamt einen Raum für die raue urbane Kultur zu schaffen. Dieser Raum wird jetzt unter der Woche als Parkplatz genutzt. Er trennt Walle und die Bahnhofsvorstadt. Er könnte aber auch ein magischer Treffpunkt werden. Man könnte die Seiten durch gestapelte Container schließen und dann Platz schaffen für alle, die wissen wie so etwas geht.
  6. Wir schlagen vor, den Rembertkreisel zu einem temporären Quartierspark zu machen und diesen Park zusammen mit den fünf Flüchtlingshäusern der Umgebung zu entwickeln. Mit einer schnell wachsenden Hecke gegen den umgebenden Verkehrslärm und die Abgase, innen mit Sport im Käfig, Container-Treff und Urban Gardening, so viel das Herz begehrt.
  7. Die City ist ein unwirtlicher Ort für Kinder. Die Sandkiste auf dem Ansgaritorplatz kann nur ein Anfang sein. Wir bringen daher die Idee für eine „Villa Kunterbunt“ ins Spiel – ein Ort zum Toben und Ausruhen. Wir schlagen vor, die Machbarkeit und geeignete Formen der Finanzierung zu prüfen.
  8. In anderen Städten kann man beobachten, dass neue Formen von Produzentenläden entstehen. Diese Manufakturen spezialisieren sich auf handgemachte und langlebige Güter. Sie funktionieren am besten, wenn sie sich zusammentun und gemeinsam auftreten. Wir vermuten, dass es dafür auch in Bremen Potenzial gibt. Wir schlagen vor, dieses Potenzial zu erkunden und für die Innenstadt zu erschließen.

Bremen, 9.11.2015