Schadstoff-Check für öffentliche Gebäude. Grüne wollen Gesundheitsschutz nicht dem Zufall überlassen

Schadstoff-Check für öffentliche Gebäude. Grüne wollen Gesundheitsschutz nicht dem Zufall überlassen

Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist zu kostbar, um sie aufs Spiel zu setzen. Die Zahl der Allergiker steigt - besonders Kinder mit schwachem Immunsystem leiden unter Schadstoffen in der Umwelt. Die grüne Bürgerschaftsfraktion will es nicht länger dem Zufall überlassen, ob gesundheitsgefährdende Stoffe wie PCB oder Formaldehyd in öffentlichen Gebäuden aufgespürt und beseitigt werden. "Mit einem systematischen Schadstoff-Check in allen öffentlichen Gebäuden wollen wir den Übeltätern auf die Spur kommen. Es reicht nicht aus, in Einzelfällen die Luftqualität wie jetzt in der Horner Schule zu überprüfen. Im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes wollen wir auf Nummer sicher gehen und alle öffentlichen Gebäude abchecken. Nur wo untersucht wird, kann man auch etwas finden," erklärt die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Karin Mathes. Die umweltpolitische Sprecherin der grünen Fraktion weiß, dass ein solches Mammutprogramm nicht über Nacht zu bewältigen ist. "Ich rechne mit einem Zehn-Jahres-Zeitraum. Bei den Messungen müssen Prioritäten gesetzt werden - zuerst sollen Kitas und Schulen untersucht werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Gebäuden, die zwischen 1955 und 1975 errichtet wurden, als beispielsweise PCB-haltige Fugenmassen umfangreich eingesetzt wurden."


In Delmenhorst wurde festgestellt, dass zwischen 15 und 31 Prozent aller Kinder von Allergien betroffen sind (je nachdem wie eng oder weit die Kriterien gefasst werden). In Bremerhaven wurde bei Schuleingangsuntersuchungen festgestellt, dass 15 Prozent der Mädchen und Jungen unter Allergien leiden. "Konkrete Bremer Daten gibt es nicht, aber von ähnlichen Zahlen ist auszugehen," vermutet die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Doris Hoch. Um neuen Problemen vorzubeugen, fordert sie für die Zukunft ein Baustoffkataster. Dort wird das bei öffentlichen Bauten verwendete Material aufgelistet. Außerdem setzen sich die Grünen für eine verbindliche Beschaffungsrichtlinie ein. Dort werden nur Produkte aufgenommen, deren Gesundheits- und Umweltverträglichkeit außer Zweifel steht. "Seit Jahren fordert das Gesundheitsamt beides vergeblich."


Das Beispiel Köln


Die Stadt Köln hat 1990 ein groß angelegtes Programm zur Untersuchung von sogenannten Innenraumschadstoffen und - falls nötig - der Sanierung öffentlicher Gebäude in Angriff genommen. Seitdem wurden jährlich circa 160.000 Mark für Untersuchungen ausgegeben. In rund 25 Prozent aller untersuchten Fälle musste saniert werden - mal reichte es, Tapeten abzureißen und zu ersetzen, mal musste ein ganzes Gebäude saniert werden. Insgesamt wurden für Sanierungsmaßnahmen 20 Millionen Mark ausgegeben.


"Keiner kann heute sagen, welche Kosten auf Bremen zukommen werden, aber davon darf das Untersuchungsprogramm nicht abhängig gemacht werden," erklärt Karin Mathes. Sie bezeichnet das Kölner Beispiel als vorbildlich: "Wir brauchen in Bremen eine Initiative für eine gesunde und kinderfreundliche Stadt. Dazu gehören mit Sicherheit das oben beschriebene Mess- und Sanierungsprogramm sowie weitere Initiativen für eine gesunde Ernährung."


Im Anhang: BBÜ-Antrag der grünen Fraktion "Gesundheit von Kindern und
Jugendlichen: Umwelt und Ernährung"


BREMISCHE BÜRGERSCHAFT
Stadtbürgerschaft
15. Wahlperiode


Antrag der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN


Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Umwelt und Ernährung


Gute Umweltbedingungen und gesunde Ernährung sind Schlüsselfaktoren bei der Vermeidung von Krankheiten. Dies gilt besonders für Kinder und Jugendliche. Vor dem Hintergrund der alarmierenden Warnungen von Fachleuten hat die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen eine große Anfrage (Drs. 15/641) zur Gesundheitslage von Kindern und Jugendlichen im Land Bremen gestellt. Die Mitteilung des Senats (Drs. 15/765) macht besonders in den Bereichen Umwelt und Ernährung Handlungsbedarf für die Kommunen Bremen und Bremerhaven deutlich.


Umwelt
Kinder und Jugendliche sind einer Vielzahl von Umweltchemikalien ausgesetzt: Pestizide in Nahrungsmitteln, mögliche Belastungen der Innenraumluft von Schulen und Kindertagesstätten mit polychlorierten Biphenylen (PCB) sind nur zwei Beispiele. Nach einer Untersuchung in Bremens Nachbargemeinde Delmenhorst leiden 16% der Kinder an einer Allergie (Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma). Bei Ausweitung der Kriterien (z.B. Einrisse an den Ohrläppchen) sind sogar über 31% der Kinder betroffen. Insbesondere das neue Krankheitsbild der vielfältigen Chemikalien-Überempfindlichkeit (MCS: Multiple Chemical Sensitivity) macht es dringend erforderlich, alle Möglichkeiten der Vorsorge auszuschöpfen. Mittlerweile leiden 2-10 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands an MCS.
Auch wenn die Ursache-Wirkungsbeziehungen oft nicht vollständig wissenschaftlich belegt sind, müssen bestmögliche Bedingungen für die Gesundheit der Kinder geschaffen werden. Dies gilt insbesondere für die kommunale Politik, die sich mit Initiativen für eine gesunde kinderfreundliche Stadt engagieren muss.


Ernährung
Fettleibigkeit gehört zu den chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Bereits im Vorschulalter tritt Fettleibigkeit häufig auf. In Bremen sind 8,2 % der Schulanfänger behandlungsbedürftig übergewichtig. Der Trend ist steigend. Die betroffenen Kinder leiden häufig auch als Erwachsene unter Übergewicht und haben damit ein erhöhtes Erkrankungsrisiko (Herz-Kreislauf Erkrankungen, Gelenkerkrankungen, Diabetes mellitus, psychosomatische Störungen).


Die Stadtbürgerschaft möge beschließen:


Die Stadtbürgerschaft fordert den Senat auf:


1.)krankheitsauslösende Umwelteinflüsse zu reduzieren:
Hierzu sind folgende Maßnahmen geeignet:
- die systematische Untersuchung der Innenräume von öffentlichen Gebäuden auf verschiedene Schadstoffe (PCB; PAK; Formaldehyd, PCP, Lindan, Dioxine, Furane und Schimmel) und ggf. die Durchführung sofortiger Sanierungsmaßnahmen. Begonnen werden muss mit Schulen und Kindertagesstätten; Einrichtungen privater Träger und Eltern-Kind-Gruppen werden in diese Untersuchungen einbezogen,
- die Erstellung eines Baustoffkatasters für Schulen und Kindertagestätten,
- die Einführung von Beschaffungsrichtlinien für Baustoffe, die auf ihre Gesundheits- und Umweltverträglichkeit geprüft sind und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen,
- eine genaue Beobachtung der Belastung der Kinder durch Verkehrsemissionen. Bei Grenzwerten und Maßnahmen ist die für Kinder relevante Höhe von 1,20 Meter zu berücksichtigen,
- der Schutz von Kindern vor Elektrosmog durch die Orientierung des Aus- bzw. Rückbaus von Mobilfunksendeanlagen am vorsorgenden Gesundheitsschutz. Hierzu gehört auch ein ausreichender Abstand zwischen Sendemasten und Schulen bzw. Kindertagesstätten.


2.)gesunde Ernährung und Bewegung zu fördern:
- Das Agenda 21 Projekt "KITA - Küche der kurzen Wege" ist auszuweiten. Das bedeutet den Erhalt bestehender Küchen in Kindergärten, die Belieferung der Kindergärten mit Lebensmitteln aus ökologischem oder regionalem Landbau und eine Begleitung durch Ernährungsberatung für Eltern sowie eine Ernährungserziehung für Kinder.
- Für die Küchen der Schulen und Kindertagesstätten sind ökologische Beschaffungsrichtlinien einzuführen.
- Gesunde Ernährung in der Schule muss gefördert werden, Frühstücks- und Mittagessenangebote müssen vor allem für Kinder in benachteiligten Stadtteilen ausgebaut werden.
- Außenspielflächen von Kindergärten müssen erhalten werden und dürfen nicht verkauft werden.


3.)die Leistungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes zu erhalten:
- Obwohl Bremen eine gut ausgebaute öffentliche Gesundheitsversorgung für Kinder hat, werden arme Familien oder Familien mit Migrationshintergrund schlechter erreicht als andere. Das Gesundheitsamt Bremen übernimmt hier zentrale und nicht ersetzbare Aufgaben.
- Die geplanten Einsparungen bei Zahnprophylaxe und ärztlicher Untersuchung im Kindergarten und in der Schule dürfen nicht umgesetzt werden.


4.)die Gesundheitsberichterstattung zu verbessern:
Notwendig ist eine umfassende datenbasierte Darstellung der gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen, um angemessene Präventionsstrategien bzw. Unterstützungs-angebote entwickeln zu können. Dazu sind folgende Maßnahmen geeignet:
- gezielte Auswertung der Daten der Schuleingangsuntersuchung hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen
o Umwelteinflüssen und Allergie- und Atemwegserkrankungen,
o Umwelteinflüssen und Hyperaktivität,
o Gesundheitszustand und sozialen Lagen,
o Ernährung und sozialen Lagen,
mit dem Ziel, fundierte Erkenntnisse über gesundheitsbeeinflussende Faktoren durch Umwelt, Ernährung und soziale Lagen für Bremen zu gewinnen.
- Systematische Berücksichtigung des Zusammenhangs zwischen Armut bzw. sozialen Lagen und Gesundheit in der Gesundheitsberichterstattung und Ermittlung von Handlungsbedarfen.


Dr. Karin Mathes, Karoline Linnert und Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN