Die Rückkehr der Zebrastreifen

„Die Straßen sind für alle da, und zwangsläufig sollten die verletzlichsten Teilnehmer eben die Fußgänger, die größte Aufmerksamkeit bekommen.“
(Leserbrief The Times, 14.2.1911).


Fußgängerüberwege („Zebrastreifen“) werden in Bremen und Bremerhaven nur noch sehr selten eingesetzt. Zur Sicherung der FußgängerInnen beim Überqueren der Fahrbahn wurden in der Vergangenheit häufig Lichtzeichenanlagen angeordnet, obwohl Fußgängerüberwege zur Sicherung des Fußverkehrs an vielen Orten besser geeignet gewesen wären. 80 % der Unfälle von FußgängerInnen geschehen bei dem Versuch, eine Straße zu queren (Quelle Fuß e. V.: Renaissance der Zebrastreifen, 2002). Dies geschieht an Orten ohne Querungshilfen, bei Rotverstößen, wenn die Wartezeiten zu lang sind, und seltener an Zebrastreifen, wenn die Autofahrer den Vorrang der FußgängerInnen nicht akzeptieren oder aufgrund schlechter Sichtbeziehungen nicht realisieren. FahrzeugführerInnen, die dies missachten, können mit einem Bußgeld von 80 Euro und vier Punkten im Verkehrszentralregister bestraft werden.

Zebrastreifen sind in vielen Ländern, wie in unseren Nachbarländern Niederlande, Österreich und Schweiz, ein probates Mittel zur Straßenüberquerung von FußgängerInnen. Auch in Deutschland gab es in den 60er bis in die 70er Jahre sehr viele dieser Fußgängerüberquerungsstreifen. Die Mehrzahl wurde in der Folgezeit abgebaut, weil sie den Verkehrsfluss auf den Straßen für den motorisierten
Individualverkehr als auch für den ÖPNV minderten. So waren in Berlin nach dieser Phase gerade noch 5 % der Zebrastreifen vorhanden. In Bremen und Bremerhaven war das zwar weniger stark ausgeprägt. Aber auch hier dürften die meisten dieser Überwege entweder aufgelöst oder durch Lichtsignalanlagen ersetzt worden sein.

Die vorherrschende Sicht bei Verkehrsplanern war nämlich in der Folgezeit, dass Zebrastreifen eine trügerische Sicherheit darstellten und zu mehr Unfällen führten.
Diese Ansicht wurde mit guter Absicht auch in Bremen und Bremerhaven geteilt. Folglich wurden bis heute die meisten der Zebrastreifen aufgelöst. Dies geschah oft gegen den Willen der AnwohnerInnen, die „ihren“ Zebrastreifen behalten wollten.

Noch heute wird der Zebrastreifen bei vielen FußgängerInnen sehr positiv gesehen, obwohl in Bremen und Bremerhaven kaum noch welche zu finden sind. Inzwischen bröckelt aber die Front der SkeptikerInnen unter den VerkehrsexpertInnen, weil die Ansicht, dass Zebrastreifen eine trügerische Sicherheit aufweisen, fachlich in vollem Umfang schwer zu halten ist. Unfalluntersuchungen belegen keine Unfallhäufungen an Zebrastreifen – im Gegenteil: Ein Modellversuch in Nordrhein‐Westfalen legt eine ganz andere Bewertung nahe. Gerade wenn Zebrastreifen
an Standorten eingerichtet werden, die eine gute Sichtbarkeit haben (oder sie hergestellt wird), ist ein Sicherheits‐ und Komfortgewinn für FußgängerInnen zu beobachten. Weitere, schon Ende des letzten Jahrhunderts durchgeführte, sehr ausführliche Unfallanalysen belegen eine signifikante Erhöhung der Verkehrssicherheit durch ein möglichst dichtes Netz von Querungsanlagen. Eine
Studie des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) hat die Sicherheit an 335 unterschiedlichen Querungsanlagen (Mittelinseln, Zebrastreifen mit und ohne Mittelinseln, Fußgängerampeln) untersucht. Das Fazit: Richtig geplante und ausgestattete Zebrastreifen bieten eine vergleichbare Sicherheit wie Fußgängerampeln. An Ampeln sind die Unfälle nur im Durchschnitt schwerer,
weil sich die FußgängerInnen dort mehr in Sicherheit wiegen. Bei Rotlichtverstößen der FußgängerInnen sind auch die Geschwindigkeiten der AutofahrerInnen bei Unfällen höher. Es gibt zudem ein ganzes Instrumentarium an unterstützenden Maßnahmen, die angepasst eine optimierte Sicherheit gewährleisten. Zebrastreifen sollten durch bauliche Maßnahmen ergänzt werden.

„Die Sicherheit von FGÜ (Fußgängerüberwegen) kann durch ergänzende bauliche Maßnahmen oder verkehrsrechtliche Anordnungen verbessert werden. Derartige Kombinationen empfehlen sich insbesondere, wenn vorrangig Kinder oder ältere oder behinderte Menschen beim Überqueren einer Straße geschützt werden müssen.“ (Richtlinien für die Anlage und Ausgestaltung von Fußgängerüberwegen,
R‐FGÜ 2001). Aus finanziellen Gründen können auch markierungstechnische Maßnahmen denkbar sein. Durch "innovative Gestaltungsmöglichkeiten (z. B. auffällige Farbgebung von Schildermasten oder Gestaltungselementen) kann die Erkennbarkeit verbessert werden.“ (Fuß e. V.). Das sind weiterhin:

  • Verbesserung der Sichtbeziehungen: Sichthindernisse wie andere Verkehrszeichen, Litfasssäulen und parkende Autos sind zu verringern
  • Zebrastreifen mit baulich hergestellten Mittelinseln (das könnte z. B. sehr gut am Nordausgang des Hauptbahnhofs installieren werden. Die Mittelinsel gibt es schon, es fehlt eigentlich nur der Zebrastreifen)
  • Zebrastreifen mit abmarkierten Mittelinseln, die dann noch durch Poller oder reflektierende Pfosten gesichert werden können. Dies schafft einen erkennbaren Schutzraum für FußgängerInnen, die sich auch nur auf einen Richtungsverkehr des motorisierten Verkehrs einstellen müssen.
  • Fahrbahneinengungen, die auch zu einer Verbesserung der Aufstellflächen für den Fußverkehr führen
  • sogenannte Torbögen mit der Fußgängerüberwegbeschilderung
  • gelbe Warnblinklichter
  • Barrierefreiheit: Es ist dabei jedoch darauf zu achten, dass blinde oder sehbehinderte Menschen den Wechsel vom Fußweg auf die Fahrbahn deutlich merken
  • deutliches Überholverbot vor Zebrastreifen durch durchgezogene Linie
  • Tempobegrenzungen in sensiblen Bereichen wie Altenheimen, Schulen oder Kindergärten. „Wenn vor einem FGÜ (Fußgängerüberweg) unabhängig von einem konkreten Querungsbedarf die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht hinreichend eingehalten wird, so ist deren Beachtung durch geschwindigkeitsdämpfende Maßnahmen durchzusetzen.“ (Richtlinie für die Anlage und Unterhaltung von Fußgängerüberwegen, R‐FGÜ 2001) In Berlin hat man deswegen den rigiden Anti‐Zebrastreifen‐Kurs längst verlassen und ein 100‐Zebrastreifen‐Programm aufgelegt. Ein weiteres Programm folgte. Auch München hat laut der Stadtverwaltung „durchweg sehr gute Erfahrungen gemacht“.

Wir Grünen fordern für Bremen und Bremerhaven:

  • eine verstärkte Einrichtung von Zebrastreifen. Dies kann sowohl die Neueinrichtung von Zebrastreifen betreffen als auch den Ersatz von einzelnen Fußgängerampeln durch Zebrastreifen gerade dort, wo sie den Richtlinien der R‐FGÜ 2001 entsprächen. Dabei wären immer die Beiräte hinlänglich zu beteiligen. Zebrastreifen sind kein Allheilmittel und auch nicht an jedem Standort geeignet. Bei fachgerechter Abwägung und entsprechender Ausstattung ermöglichen sie aber einen Sicherheitsgewinn und ein Mehr an Querungsmöglichkeiten für FußgängerInnen in unseren beiden Städten.
  • bei der Aufstellung des Verkehrsentwicklungsplans (VEP) eine angemessene Berücksichtigung von Zebrastreifen
  • ein Zebrastreifen‐Programm für Bremen und Bremerhaven analog zu den beiden Programmen in Berlin. Dies soll sensible Standorte im Bereich von Kindergärten und Schulen umfassen oder auch solche, wo erhöhter Querungsbedarf im Sinne der R‐FGÜ 2001 besteht
  • den Ersatz von Fußgängerampeln im Einzelfall durch Zebrastreifen an geeigneten Standorten. Bremen hat die größte Dichte an Fußgängersignalanlagen in Deutschland. An Ampelstandorten mit langen Wartezeiten für FußgängerInnen könnten diese, wenn die Vorgaben jener Richtlinie R‐FGÜ 2001 erfüllt sind, durchaus mit Sicherheitsgewinn ersetzt werden. Dabei sollten immer die betroffenen Beiräte zustimmen, da sie für verkehrslenkende Maßnahmen mit Stadtteilbezug zuständig sind. Es hat sich gezeigt, dass an Ampeln, wo Wartezeiten jenseits von 1 Minute bestehen, verstärkt Fußgängerquerungen bei Rot zu beobachten sind und damit eben auch stark gestiegene Unfallzahlen.

    Selbst bei den Komfortvarianten ist ein Zebrastreifen sehr viel günstiger als eine Lichtsignalanlage. Das gilt ebenso für die Unterhaltung. Deshalb sollten bei gleichbleibenden Kosten durch den verstärkten Einsatz von Zebrastreifen zusätzliche, sinnvolle Fußgängerquerungen geschaffen werden können.

Bremen, 13.09.2012

Zuständiger Abgeordneter