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Die Lage ist ernst: Fast drei Viertel aller Fischbestände in Europa sind überfischt. Die EU-Kommission hat deshalb einen nachhaltigeren Fischerei-Kurs angekündigt. Was daraus bisher geworden ist, welche Forderungen die Grünen haben und ob Aquakultur unter bestimmten Voraussetzungen ein Ausweg sein kann, erläutert der fischereipolitische Sprecher Frank Willmann im Interview.
Greenpeace hat gerade mit der Blockade eines Trawlers im Fischereihafen gegen die Überfischung der Meere demonstriert. Die Forderung: die europäische Fangflotte verringern. Wie stehen die Grünen dazu?
Frank Willmann: Ein brennendes Übel, das wir Grünen neben der Beifang-Regel immer im Blick haben, ist die Überkapazität der Flotte. Dabei geht es nicht um deutsche Fangschiffe - da haben wir nur noch eins - sondern vor allem um die Überkapazitäten der südlichen Mitgliedsländer. Dort werden weiter staatliche Subventionen für den Zubau an Fangschiffen gezahlt. Das führt dazu, dass immer mehr Schiffe auf immer kleinere Fisch-Bestände losziehen und sowohl die Fang-Quoten überschritten, als auch die unerträgliche hohe Menge an unerwünschten Beifang erhöht. Die EU wollte einen Weg eröffnen, der den Verkauf von Fanglizenzen kleiner Fischer an Große zulässt. Sie sollten ein monetäres Anreizsystem erhalten, damit sie dauerhaft ihre Schiffe und die Befischung aufgeben können. Das ist gescheitert, weil in Südeuropa ganze Landstriche ausschließlich auf Fischfang ausgerichtet sind und es politisch nicht gewollt war.
Die EU-Kommission hat eine umfangreiche Reform der Fischerei-Politik angekündigt, um die Überfischung zu stoppen. Kernpunkte: auf wissenschaftlicher Basis festgelegte Fangmengen, das Rückwurfverbot für ungewollten Beifang und eine Überarbeitung der Subventionierung. Reicht das aus?
Würden diese sehr weit reichenden und selbstkritischen Beschlüsse aus der EU-Kommission umgesetzt und von allen Nationalstaaten, z.B. im Seefischereigesetz, umgesetzt, hätte der Fisch gute Chancen in unseren Meeren. Die Wirklichkeit sieht leider erschreckend anders aus. Alle drei oben genannten Ziele sind auf dem Basar der nationalen Verhandlungen gescheitert. Weder hat man sich auf wissenschaftliche Empfehlungsmengen geeinigt, noch gibt es ein Verbot von Beifang. Es gibt auch kein Verbot von Subventionierung innerhalb der Europäischen Fischfangflotte. Das ist bitter. Jüngstes Beispiel ist der Hering. Nachdem drei Jahre lang die Fangmengen stark reduziert waren und sich der Hering langsam erholte, hat man jetzt die Fangmengen um 100 Prozent hochgesetzt - entgegen der Empfehlung der Wissenschaft, die ein weit niedrigeres Anheben empfohlen hatte. Zudem gibt es immer noch Arten, die vor allem im Mittelmeer befischt werden, über die es keine Daten zur Bestandsgröße gibt.
Manche sehen die Aquakultur als Ausweg. Aber auch an ihr gibt es Kritik: Für intensive Shrimps-Zucht in Asien und Mittelamerika werden großflächig Mangrovenwälder vernichtet. Wegen des enormen Bedarfs an Süßwasser wird in diesen Gebieten das Grundwasser knapp. Es versalzt und wird von in der Aquakultur eingesetzten Antibiotika verunreinigt. Bedarf es da nicht auch nachhaltiger Kriterien?
Eindeutig ja! Gefragt sind da aber die importierenden Betriebe, die diesen Mist nicht kaufen sollten. Die politischen Vorschriften der EU verhallen in Asien oder Südamerika. Was nützt ein MSC-Siegel, wenn es in weit entfernten Ländern niemanden interessiert? Importeure und Verbraucher sollten nur das abnehmen, was nachhaltig produziert wird und den Fisch nicht als plumpe Ware deklariert.
Bremerhaven soll zum Zentrum der Aquakulturforschung werden. Spielen dabei nachhaltige Kriterien schon eine ausreichend große Rolle?
Der Nachhaltigkeitsgedanke war Anlass zur Errichtung des IMARE. Dabei stehen z.B. Fragen im Mittelpunkt wie: Welcher Fisch ist überhaupt für Aquakultur geeignet? Und unter welchen Bedingungen - also zum Beispiel Wasserqualitäten, Nahrungseinsatz, Energie und Umweltwirkung? Antibiotika sollen gar nicht zum Einsatz kommen. Ich bin jedenfalls gespannt auf die ersten Ergebnisse