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21. April 2011

„Gehen Sie nicht nach draußen…“

Grüne Abgeordnete erinnern sich an die Katastrophe von Tschernobyl

Tschernobyl heute [Foto: Pedro Moura Pinheiro-Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)]Tschernobyl heute
Mitte April hob die japanische Regierung die Gefahr des Reaktorunglücks in Fukushima auf die höchste Stufe 7 an. Damit gilt Fukushima als so schwerwiegend wie der bisher größte atomare Unfall: Tschernobyl. Am 26. April jährt sich der Tag des Super-GAUs zum 25. Mal. Die Abgeordneten der Bürgerschaftsfraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN erinnern sich an dieser Stelle an die Geschehnisse rund um den Tag der Katastrophe.

Anja StahmannAnja Stahmann: „Ich war 18 und wir hörten nach einer vierwöchigen Abi-Abenteuer-Reise durch Frankreich, Spanien und Portugal erstmals wieder deutsches Radio in den Pyrenäen, als der Ansager plötzlich meinte: „Gehen Sie nicht nach draußen, lassen sie ihre Kinder nicht im Freien spielen.“  Wir ahnten, dass etwas Schlimmes passiert war.“

Björn Fecker: „Zum Zeitpunkt der Katastrophe war ich acht Jahre alt. Auf einmal war das Spielen in der Sandkiste ebenso tabu für mich wie die selbstangebauten Kartoffeln meiner Großeltern. Und bei Regen war das heimische Kinderzimmer zum Spielen angesagt und nicht mehr der Huchtinger Rodelberg.“

Dirk SchmidtmannDirk Schmidtman: „Ich war als Entwicklungshelfer unterwegs in Nepal. Tausende Kilometer vom Geschehen entfernt bekam ich von den Ereignissen nichts mit. Erst in Deutschland erreichte mich die Nachricht vom Unglück. Ganze zwei Wochen später! Als ich dann zuhause Bilder aus Tschernobyl sah, war ich zutiefst schockiert.“

Doris HochDoris Hoch: „Es war so schwierig, Informationen zum Beispiel über die Belastung von Lebensmitteln zu bekommen. Geärgert habe ich mich damals über den ehemaligen Landwirtschaftsminister Funke, der im Fernsehen öffentlich Salat gegessen hat, um die Menschen zu beruhigen.“

Frank WillmannFrank Wilmann: „Am Tag der Reaktorkatastrophe saß ich noch im Studium in Münster. Meine jetzige Frau studierte in Hannover. Nach Bekanntwerden der Katastrophe und den ersten Bildern haben wir viel telefoniert. Ich bin dann nach Hannover gefahren, weil keiner von uns wusste, welche Folgen das für unsere gemeinsame Zukunft haben würde. Ängste und Befürchtungen lassen sich besser teilen, wenn man nah beieinander ist. Dass sich eine solche Katastrophe wiederholen konnte, ist unfassbar."

Hermann KuhnHermann Kuhn: „Ich war 1986 einen halben Winter und einen Frühling auf Island, das von der „Wolke“ nicht berührt wurde. AKWs gibt es auf der Insel auch nicht. Wir sahen gebannt auf die Bilder im Fernsehen, waren aber gleichzeitig „weit weg“; so fühlten wir jedenfalls damals. So einfach, einfach falsch, denkt der Mensch oft im ersten Augenblick.“

Horst FreheHorst Frehe: „Die Vorstellung nicht mehr ohne Strahlenrisiko in den Wald gehen zu können, gruselte mich. Dennoch überwog das Mitgefühl mit den BewohnerInnen einer ganzen Region, die evakuiert werden mussten und deren Kinder mit gesundheitlichen Schäden zur Welt gekommen sind.“

Karin KruscheKarin Krusche: „Nachdem die Wolke sich Deutschland näherte, haben wir eine Kühlkiste gekauft und große Mengen Spinat auf dem Ziegenmarkt im Viertel gekauft, um unseren Kindern unbelastetes Essen geben zu können. Eine Sandkiste zum Spielen für die Kinder wurde nach der Katastrophe nie wieder benutzt.“

Karin MathesKarin Mathes: „Obwohl mir immer klar war, dass früher oder später eine solche Katastrophe geschehen kann, war ich schockiert: Wegen dem Ausmaß des menschlichen Leides in den unmittelbar betroffenen Gebieten, wegen der weiträumigen und langfristigen Umweltverseuchung und wegen der Einschränkungen - vor allem für meinen Sohn. Er war damals ein und einhalb Jahre alt. Jetzt hieß es erst einmal: nicht mehr draußen aufhalten, nicht im Sandkasten spielen und bestimmte Lebensmittel nicht verzehren.“

Maike SchaeferMaike Schaefer: „Ich war damals gerade 14. Als die Nachrichten im Fernsehen vom Atomunfall in Tschernobyl flimmerten, habe ich zunächst gar nicht die Tragweite der Katastrophe realisiert. Aber ich weiß noch genau, dass wir tagelang nicht draußen spielen oder uns länger als notwendig aufhalten durften. Beim Essen gab es Diskussionen, was man jetzt noch essen dürfe. Alles in allem herrschte Ratlosigkeit und große Unsicherheit.“

Matthias Güldner: „Heute Fukushima - damals Tschernobyl. Für die Menschen in Japan und der Ukraine die gleichen, unvorstellbaren Folgen. Tschernobyl war für mich zusätzlich, neben dem Mit-Leiden am TV und über die Presse, näher, unmittelbarer. Ich wohnte damals in Süddeutschland, in Heidelberg. Die bei Regen in Hauseingänge fliehenden Menschen, das Verbot Obst- und Gemüse aus häuslichem Anbau zu essen, die Angst von schwangeren Müttern und Eltern mit kleinen Kindern im Bekanntenkreis, all das ist mir bis heute gegenwärtig. Es hat mich noch mehr bestärkt, mit diesem Wahnsinn endlich Schluss zu machen.“

Mustafa ÖztürkMustafa Öztürk: „Ein paar Tage nach Tschernobyl gab es keine frische Milch mehr. Bei uns zuhause herrschte große Verwirrung, weil meine Eltern nicht so gut Deutsch konnten. Also musste ich Fernsehen gucken und übersetzen, was dort berichtet wurde. Ich musste dann entscheiden, welche Lebensmittel noch gegessen werden durften und welche nicht.“

Silvia SchönSilvia Schön: „Am 26.4. habe in Strasbourg studiert. Ich weiß es noch wie heute. Es war der erste super Sommertag. Strahlend blauer Himmel. Plötzlich zogen Wolken auf. Es schüttete wie aus Eimern. Ich war bis auf die Knochen aufgeweicht. Erst anschließend erfuhr ich was passiert war. Die Berichterstattung in den deutschen und französischen Medien konnte unterschiedlicher nicht sein. Während die deutschen Medien vor dem radioaktiven Fallout warnten, präsentierte das französische Fernsehen Marktstände mit frischem Obst und Gemüse, um deutlich zu machen: Alles kein Problem. O-Ton zu den Deutschen: Sie sind verrückt!“

Zahra MohammadzadehZahra Mohammadzadeh: „Der 26. April 1986 ist ein Tag, den man nicht vergisst, ähnlich wie der 22. November 1963, als John F. Kennedy ermordet wurde. Meine Eltern waren zu Besuch aus Teheran gekommen, in den Tagen danach verfolgten wir das Geschehen in Tschernobyl wie gebannt im Fernsehen. In diesem Jahr hat der damalige Super-Gau sein trauriges 25. Jubiläum, und wir sitzen wieder vor dem Fernseher und können kaum fassen, was in Fukushima passiert. Was muss noch geschehen, damit insbesondere die Industrieländer weltweit Vernunft annehmen und von der Kernkraft ablassen?“


25 Jahre Tschernobyl: Aktionstag am 25. April. Mehr...

 

 

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